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IG Metall Hagen - Religionskriege

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Religionskriege

Wer glaubt das denn?

Volles Haus in der Pelmke.

„Religionskriege: Wer glaubt das denn?“

Diese Frage war der etwas provokante Titel der „Gegen den Strom“-Veranstaltung, zu der DGB, VHS und Arbeit & Leben diesmal an Dienstagabend ins Kulturzentrum Pelmke eingeladen hatten.

Als fachkundiger Experte stand der Journalist und Autor Andreas Zumach auf der Rednerbühne. Ob dessen Auftritt vor wenigen Tagen in der Talkshow von Maybritt Illner dazu beigetragen hatte, dass 130 Teilnehmer den Raum bis auf den allerletzten Platz gefüllt haben, blieb offen. Anders die Geschichte der Religionen in großen Zeitabschnitten.

Zumach ging über mehr als 2000 Jahre zurück und arbeitete präzise die Wegpunkte großer Kriege heraus, die vorgeblich im Namen des Glaubens geführt worden waren. Auf der Basis seiner Grunddefinition von Religionskriegen: „Kriege, die um der Religion willen geführt werden“ wies er auf die Erkenntnis von Prof. Heiner Bielefeld (UN-Sonderberichterstatters für Religions- und Weltanschauungsfreiheit) hin, für den es keine reinen Religionskriege gibt. Vor allem seien es Macht- und Wirtschaftsinteressen und deren sozialen Auswirkungen, die zu Krieg und Gewalt führten, so Zumach. Dabei erläuterte er historische Entwicklungen und unterstrich seine Einschätzung durch konkrete Beispiele. Nicht zuletzt durch einen Blick zurück in die Zeiten des Kolonialismus zeichnete er diese Geschichte der nah-östlichen Krisenregion überzeugend nach und führte damit den Nachweis, dass auslösenden Faktoren oftmals zeitlich weit zurückliegen können.

Die Versuche die aktuellen Kriege auf religiöse Unterschiede innerhalb des Islam oder zwischen Islam und Christentum zu reduzieren, hält er für gänzlich falsch. In den aktuell im Zentrum der Konflikte stehenden Ländern gehe es zumeist eher um weltliche Interessenkonflikte zwischen Schiiten und Sunniten und um jeweilige Macht- und Unterdrückungsprozesse, die gegeneinander stehen.

Für den Referenten haben dabei die westlichen Länder und deren Politik in der Vergangenheit eine hohe Verantwortung. Immer wieder hätten sie die jeweiligen Machthaber solange unterstützt, wie sie den eigenen Vorstellungen und Interessen entsprachen.

Unter anderem verwies Andreas Zumach auf das Beispiel des früheren Persiens (heute Iran), in dem in den 1950er Jahren die demokratische Regierung mit Hilfe westlicher Geheimdienst weggeputscht worden war, um die Interessen großer westlicher Ölkonzerne zu schützen. Nach der „islamischen Revolution“ Ende der 1970er wurde dann der Irak unter Saddam Hussein als Verbündeter des Westens in der Region aufgebaut und im Krieg gegen Iran massiv mit Waffen unterstützt. Das Beispiel verdeutliche, dass die Interessenpolitik der westlichen Länder, wenn ihnen die politischen Verhältnisse nicht mehr passen, die Machtstrukturen umstellen, ohne die jeweiligen Bedingungen in den Ländern, deren kulturellen und sozialen Bedingungen und Bevölkerungszusammensetzungen zu beachten. Dieses Vorgehen wird oftmals durch Waffenexporte und nicht selten unter Einsatz direkter oder indirekter Gewalt unterstützt.

Im Zentrum dieser Strategie standen dabei vor allem Machtinteressen und wirtschaftliche Vorteile, zum Beispiel zur Sicherung von Rohstoffzugängen. Die heutige Eskalation der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten birgt für Zumach große Gefahren und ist aus seiner Sicht mit den aktuellen militärischen Optionen nicht zu lösen.

Er ließ keinen Zweifel daran, dass einerseits die Lage in den betroffenen Regionen fast unüberschaubar wäre und die dortigen Kämpfe unerträgliches Leid für die Menschen bedeute und es andererseits auch keine Akzeptanz von verbrecherischen Gruppen wie dem islamischen Staat und anderen geben dürfe. Allerdings reiche das nicht aus, um die vorhandenen Probleme zu lösen. Sowohl in den Konfliktregionen selbst, als auch bei den sehr unterschiedlichen Interessenlagen beteiligter Außenstaaten, wie Saudi-Arabien, Katar, Russland, Türkei, die USA und Europa müssten neue Wege gegangen werden. Eindrucksvoll sein Hinweis darauf, dass im stattfindenden Syrien-Krieg bisher bereits 40.000 Raketen und Bomben in rund 11.000 Einsätzen keinen Fortschritt bei der Befriedung des Landes gebracht hätten.

Seine Antwort auf eine der vielen Publikumsfragen, was nun zu tun sei, um den IS zu bekämpfen, war unter anderem: 1. Die Finanzströme aus Saudi-Arabien und Katar für den islamischen Staat müssen gekappt werden, um dessen gut gefüllte Kriegskasse trocken zu legen. 2. Waffenexporte auf direktem und indirektem Weg müssen eingestellt werden. 3. Es gilt eine Neuordnung in den Ländern zu organisieren und dabei die beteiligten Akteure einzubeziehen.

Für Deutschland und Europa hält er es für besonders wichtig, die Rüstungsexporte zu stoppen und die bestehende Politik der Wirtschafts- und die Agrarsubventionen zu beenden. Denn diese trüge in vielen Ländern zu weiterer Not und Elend bei, was dem bekundeten religiösem Fanatismus in die Hände spiele. Zum Schluss wies der in Genf aktive Journalist darauf hin, dass es vor allem darum gehen müsse, die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen so zu organisieren, dass die Menschen in diesen Regionen ihr Leben lebenswert gestalten können. Das würde nicht nur in Richtung friedlicher Lösungen einen wichtigen Beitrag leisten, sondern könnte auch dazu beitragen, die Fluchtursachen zu beseitigen.

Jochen Marquardt, der die spannende Veranstaltung moderierte, rief zum Ende dazu auf, die Informationen mitzunehmen und gemeinsam zu überlegen, welcher Beitrag im eigenen Land, in der eigenen Arbeit geleistet werden könnte, um Einfluss auf Politik und Wirtschaft zu nehmen. ________________________________________