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Wer ist hier eigentlich nicht ausbildungswillig?

Das Thema Fachkräftemangel füllt die Medien und für die angehenden Azubis werden bundesweit glänzende Perspektiven erwartet. Allerorten können die angehenden Fachkräfte sich ihre Lernorte aussuchen. Firmen stehen Schlange, um die besten Ausbildungsplätze an den Mann oder Frau zu bringen. So wird die Lage auf dem bundesdeutschen Ausbildungsmarkt 2011 beschrieben. Für unseren Bevollmächtigten Peter Kleint hat diese Lagebeschreibung wenig mit der Realität zu tun. Sein Fazit:“Die Betriebe unseres Organisationsbereichs sind, bis auf einige löbliche Ausnahmen, wenig ausbildungsfreudig und gefährden damit sogar den Industriestandort.“
Der Arbeitsagentur wirft Peter Kleint vor die Ausbildungszahlen der Region seit Jahren notorisch schön zu reden.

In einem Interview stand Kleint nun Klaus Heimann,beim IG Metall Vorstand Ressortleiter für Bildungs- und Qualifizierungspolitik,Rede und Antwort.

Wie hat sich die Ausbildungssituation bei Euch in Ostwestfalen in den letzten Jahren entwickelt?

In den Daten der Agentur für Arbeit im Herford spiegelt sich das Drama wider: Seit rund 10 Jahren ist es nicht mehr gelungen, den Bewerbern bei der Agentur betriebliche Ausbildungsplätze im ausreichendem Umfang anzubieten. Auf 5.400 Bewerber kamen im letzten Vermittlungsjahr 2.800 Ausbildungsstellen. Das führte zum Einen dazu, dass einige Schulabgänger direkt von der Schulbank in das Arbeitslosengeld II wechselten. Zum Anderen bemängelt die heimische Wirtschaft den wachsenden Fachkräftemangel in allen Branchen. Das ist doch wirklich grotesk.

Die IG Metall hat versucht gegenzusteuern. Was habt ihr gemacht?

Ja, wir haben in 2010 114 Firmenchefs in unserem Organisationsbereich angeschrieben und sie gebeten mehr Ausbildungsplätze anzubieten. Das Ergebnis dieser Aktion war allerdings sehr mager: fünf zusätzliche Angebote sind dabei herausgekommen. Davon drei allein nur in einem Herforder Betrieb.
Das Ergebnis zeigt uns, dass viele Betriebe einfach ausbildungsunwillig sind. Sie haben es selbst in der Hand ausreichenden Fachkräftenachwuchs heranzubilden, genau das tun sie aber nicht. Ja noch schlimmer: Wir hatten in 2010 einen Rückgang der neuen Ausbildungsverträge um satte 11 %. Damit verfestigt der Agenturbezirk seinen Platz im nordrheinwestfälischen Tabellenkeller in der Disziplin "Versorgung junger Leute mit Ausbildungsplätzen."

Die Ausbildungsmoral der Betriebe lässt also in Ostwestfalen Lippe zu wünschen übrig.

Ja, absolut. Dazu nur eine Vergleichszahl: In unserer Region bilden nur 21% der ausbildungsfähigen Betriebe aus. Das ist zum Bundesvergleich ein schlechter Wert: im Bundesdurchschnitt tun dies immerhin 32 % der Betriebe. Dieser Zahlenvergleich macht schon deutlich, wo wir in der Region stehen. Es hapert an der entsprechenden Einstellung vieler Betriebe. Und das nicht erst seit heute: Die Zukunftschancen der heranwachsenden Generation sind in unserer Region deutlich schlechter. Das ist ein nicht akzeptabler Zustand.

Das bedeutet doch, dass ihr ein überbordendes Übergangssystem habt.

Man muss sich das mal vorstellen: eine hohe Anzahl der unversorgten Jugendlichen hat den mittleren Bildungsabschluss und geht trotzdem leer aus. Die Berufskollegs im Kreis Herford richten seit Jahren Dutzende von berufsvorbereitenden Klassen ein, um die ehemaligen Schüler auf die nächste Bewerbungsrunde vorzubereiten. 38% der ehemaligen Hautschüler/innen landen bundesweit in diesem Übergangssystem. Vermutlich liegt im Kreis Herford die Quote noch darüber.

Das klingt alles nicht sehr positiv, gar bedrohlich für die Industrieregion?

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Facharbeitermangel mittlerweile auch nachhaltig den Industriestandort Ostwestfalen-Lippe gefährdet. Die abnehmende Zahl von angebotenen Ausbildungsplätzen steht ganz offensichtlich im Zusammenhang mit dem Niedergang von Betrieben in der Region. Bei vielen wird an der Ausbildung gespart, das war bei vielen Betrieben der Anfang vom Ende. Wer bei der Ausbildung spart, der schlägt den ersten Sargnagel am Unternehmen ein. Allein in 2010 hat die IG Metall im Kreis Herford um den Erhalt von 100 Ausbildungsplätzen gekämpft.

Welche Rolle spielt die Agentur für Arbeit bei der Ausbildungsplatzentwicklung?

Leider keine rühmliche. Die Agentur wiegelt ab, redet die Probleme klein und versucht ihre eigenen Daten in einer merkwürdigen Art zu interpretieren. Die Agentur fokussierte sich z. B. Ende September 2010 auf „nur“ 212 unversorgte Jugendliche und glaubt die Welt sei in Ordnung.
Die Experten, die sich mit den Zahlen auf dem Ausbildungsmarkt beschäftigen, wissen dass dies nur ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit ist. Handelt es sich dabei doch um rein statistische Rechengrößen, die ausschließlich dazu geeignet sind, die Problematik der Ausbildungsplatzlücke zu verniedlichen. Jeder der sich mit dem wundersamen Abschmelzen der "Unversorgtenzahl" von April bis September mal beschäftigt, weiß schon, wie die Anzahl zum Ende des Jahres hin reduziert wird. Dazu nur ein Beispiel: Allein im Kreis Herford werden 1.600 Jugendliche nicht als Bewerber bei der Agentur gezählt - sind sie in einer betrieblichen Ausbildung? Nein natürlich nicht, sie werden im Berufskolleg untergebracht und gehen weiter zur Schule.
Und noch eine Zahl: Nach Angaben der Agentur sind in diesem Jahr allein 1.200 Fördermaßnahmen für Jugendliche geplant, die eigentlich in Ausbildung wollen. Das führt dann dazu, dass knapp 60 % der Bewerber zu sogenannten Altbewerbern gemacht werden.

Was erwartest Du von der Agentur?

Die muss mit uns zusammen offen und ehrlich an der Schaffung von zusätzlichen Ausbildungsplätzen arbeiten. Gewerkschaften und Agentur sollten gemeinsam die Unternehmer in die Pflicht nehmen - insbesondere wenn sie den Fachkräftemangel strapazieren. Wir müssen bei jedem Betrieb der Fachkräftemangel diskutiert genau nachschauen, was wurde in der Vergangenheit in Sachen Ausbildung geleistet.