
Es ist das erste Mal, so Peter Kippes, zweiter Bevollmächtigte der IG Metall, dass Siemens nach Ankündigung eines Stellenabbaus seine Pläne nicht eins zu eins umgesetzt hat. Und er ist sicher, dass das zu einem ganz großen Teil der Solidarität in der Region zu verdanken ist. Eine Solidarität, die sich auch in einer Unterschriftenaktion manifestiert.
Die Zahl derjenigen, die für die Siemensianer unterschrieben haben, bezeichnet DGB-Regionalvorsitzender Frank Firsching bei der Bekanntgabe im Jugendzentrum von Bad Neustadt als unglaublich. Mit 75 476 Unterschriften habe man das gesteckte Ziel von 50 000 weit übertroffen. Und das die erreicht würden, hatte kaum einer geglaubt, wie Werner Schmitt von der IG-Metall erläuterte.
Die Zahl sprengt jeden Rahmen, so Firsching. Gerade mal 20 000 seien bei der Aktion Schäffler in Eltmann zusammengekommen, nannte er eine Vergleichszahl. Das in Bad Neustadt Erreichte sprenge jeden Rahmen. Es sei toll, wie alle mitgemacht hätten. Aus ganz Deutschland seien Unterschriftenlisten eingetroffen. Eine Siemensmitarbeiterin habe alleine 7000 Unterschriften zusammengetragen, erzählt Werner Schmitt. Die gedruckten Listen reichten gar nicht. Viele wurden nachkopiert, so Firsching.
Das haben wir geschafft, weil alle mit eingebunden waren, sagt stellvertretende Bürgermeisterin Anne Zeisner. Jeder habe sich betroffen gefühlt. Der Gemeinschaftsgeist habe unglaublich mobilisiert. Und Susanne Jörg von der kirchlichen Jugendarbeit, berichtet, wie sehr die junge Leute engagiert waren und Unterschriftenlisten in den Schulen verteilte. Denn die Jugend suche nach einer Zukunftsperspektive in der Region.
Nur ein Zwischenschritt
Dass inzwischen ein Interessenausgleich erreicht ist, sehen alle Beteiligten am Widerstand gegen die ersten Siemenspläne als Zwischenschritt. So sagt Werner Schmitt, man müsse nun von der Politik einfordern, was sie nach dem 28. Januar versprochen hat. Es komme darauf an, etwas für die gesamte Region zu erreichen.
Zufrieden wäre ich gewesen, wenn für alle wegfallenden Arbeitsplätze neue entstanden wären, sagt Betriebsratsvorsitzender Bernahrd Omert. Trotzdem, nach der kompromisslosen Ankündigung von Siemens vom 28. Januar sei in den schwierigen Auseinandersetzungen viel erreicht worden. Immerhin sei jetzt die Schließung des Betriebsteils Siemensstraße vom Tisch und se seien nicht mehr nur 1200 sondern 1600 Stellen bis September 2012 gesichert. Außerdem werde bis dahin regelmäßig geprüft, ob weitere zukunftsfähige Techniken nach Bad Neustadt kommen könnten. Das für einen Kampf bis zum Schluss aufs Spiel zu setzen, habe man im Betriebsrat für falsch gehalten, denn um in Bad Neustadt zukunftsfähige Produkte zu etablieren brauche man die Zusammenarbeit mit der Firmenleitung.
Wir haben gemeinsam die Dinge beeinflusst, sagt Peter Kippes. Das bleibe der richtige Weg. Nur nein zu sagen bringe nichts. Jetzt sei auch Zeit gewonnen worden, in der die Politik die versprochenen Alternativen umsetzen könne.
Landrat Thomas Habermann bestätigt dem Betriebsrat und der IG Metall geschicktes Agieren. Zwar sei Fakt, dass die Produktion der Asynchronmotoren nach Tschechien verlegt werde, doch gleichzeitig biete sich eine ausbaufähige Perspektive mit zukunftsfähigen Techniken. Er vertraue den Zusagen von Siemens. Wichtig sei der Wille des Konzerns den Standort zu erhalten und Bad Neustadt hochzurüsten. Sicher ein Erfolg des sofortigen geschlossenen Widerstands in der Region. Das sei durch die Politik ergänzt worden.
Der Mensch im Mittelpunkt
Weil der Mensch in der christlichen Soziallehre im Mittelpunkt stehe, habe man auch auf kirchlicher Seite nicht gezögert mitzumachen, betont Susanne Jörg. Kirche müsse für die Leute vor Ort da sein. Viele hätten in den Montagsgebeten Kraft und Mut erfahren. Weil auch sie den Interessenausgleich nur als Zwischenlösung sieht, kündigt sie weitere Montagsgebete bis Ende Juni an.