Stress-Bürometer und Arbeitszeit-TÜV für einen gesunden Job
Am 10. Betriebsräte-Tag der IG Metall Siegen beschäftigten sich 300 Gewerkschafter mit aktuellen Themen wie dem Burnout-Syndrom
Die Kollegen wunderten sich über den plötzlich zunehmenden Arbeitseifer von Jürgen B. (Name geändert). Er machte immer mehr, zog alles an sich, stieß an seine Grenzen und überschritt sie. Der Meister wurde vorübergehend krank, kam dann wieder zur Arbeit. Zu früh, wie sich zeigen sollte: Er erlitt einen Nervenzusammenbruch. Seit einem halben Jahr kommt er nun gar nicht mehr. Der anfängliche Übereifer ist symptomatisch für das Burnout-Syndrom. Diese Krankheit, die oft mit Arbeitsbedingungen zusammenhängt, war ein Kernthema beim 10. Betriebsräte-Tag der IG Metall Siegen. Das ist uns seit Jahren permanent wichtig, nicht erst, seit Promis damit in den Medien sind, sagte der IG-Metall-Bevollmächtigte Hartwig Durt zu den rund 300 Betriebsräten und Betriebsratsvertretern, die gestern in die Siegerlandhalle gekommen waren.

Hartwig Durt, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Siegen, bei der Eröffnung
Die Gewerkschaft trifft mit dem Thema einen Nerv der Belegschaften. Das zeigte sich zum einen an der großen Resonanz an dem Forum Arbeit im Büro bis zum Umfallen? zum Thema Burnout. Zum anderen ging es auch in den sieben anderen Foren um aktuelle Themen, die oft ineinandergreifen, so dass es den Gewerkschaftern schwer gefallen sein dürfte, sich auf wenige Foren zu beschränken. Gewerkschaftssekretär Daniel Salewski appellierte an die Betriebsräte, darauf hinzuwirken, dass die Unternehmen in junge Leute investieren, schon wegen des demografischen Wandels.
Arno Wied, Geschäftsführer der Quatro Transfair GmbH, berichtete über die Arbeit der von IG Metall, Arbeitgebern und Kreis Siegen-Wittgenstein gemeinsam gegründeten Transfergesellschaft, der einzigen Leiharbeitsfirma der Region, in der gleiches Geld für gleiche Arbeit vollends umgesetzt wird. Quatro Transfer sei gerade dabei, mit namhaften Unternehmen der Region Rahmenverträge abzuschließen.

Teilnehmer in Diskussion
Doch zurück zum Kernthema: Die Siegerländer und Wittgensteiner Metaller bestätigten Gewerkschaftssekretär Andree Jorgalla tendenziell, dass der Stress nach der Krise zugenommen habe, der Gesundheitsschutz zugleich zu kurz komme und es bei psychischen Belastungen keine oder wenig Hilfen im Betrieb gebe gerade im Bürobereich mit seinem Trend zum Großraumarbeitsplatz und der permanenten Erreichbarkeit auf allen Kanälen. Immer mehr Menschen, die sagen, Ich kann nicht mehr, kommen zu mir in die Beratung, schilderte Jorgalla seine Erfahrung. Manche können keinen Fuß mehr in ihre alte Firma setzen. Der Metaller appellierte, das sensible Thema nicht weiter zu tabuisieren, und zum Beispiel in ihrer Firma das Stress-Bürometer einzuführen, ein Instrument nach DIN-Norm, das psychische Fehlbelastungen am Arbeitsplatz erkennbar macht.

Teilnehmer hören dem Referenten aufmerksam zu
Eng mit dem Kernthema Burnout zusammen hing das Forum zu Arbeitszeitfragen. Arbeitszeiten würden länger und unregelmäßiger, gesundheitlich und sozial schädliche Auswirkungen würden dabei oft vergessen, sagte Brigitte Kurzer vom Bildungszentrum der IG Metall. Sie ermunterte die Betriebsräte, den sogenannten Arbeitszeit-TÜV anzuwenden, mit dessen Hilfe Beschäftigte messen könnten, wie gesundheitsverträglich ihre Arbeitszeiten seien. Wer weiß, wie vielen Arbeitnehmern wie Jürgen B. es mit Gradmessern wie Arbeitszeit-TÜV und Stress-Bürometer besser ergehen würde.